Gedanken zur Arbeit mit dem „innere Kind“ und anderen „Teilen der Persönlichkeit“

Immer wieder berichten mir Menschen, dass sie irgendeine Form der „Arbeit mit dem inneren Kind“ erlebt haben. Seit dieser Zeit bemühen sie sich mehr oder weniger erfolgreich, ihr „inneres Kind“ zu pflegen und dessen Bedürfnisse zu berücksichtigen.

Aus meiner Sicht ist es zunächst ein recht sinnvoller Ansatz, sich um früh abgespaltene Persönlichkeitsteile zu kümmern, eine Verbindung zu diesem „inneren Kind“ aufzunehmen und alte Verletzungen des Kindes zu heilen, indem sich der „innere Erwachsene“ nun liebevoll um die früher vernachlässigten Bedürfnisse seines „inneren Kindes“ kümmert.

Was mir dabei fehlt, ist die Idee, das „innere Kind“ in diesem Prozess erwachsen werden zu lassen bis zum aktuellen Moment, damit ihm alle Erfahrungen und Möglichkeiten der erwachsenen Person zur Verfügung stehen und es sich in genau dem richtigen Alter und der passenden Gestalt endgültig mit dem Erwachsenen verbinden kann.

Wird in der Vorstellung dieses Heranwachsen und die Vereinigung mit dem Erwachsenen gefördert und die Anweisung gegeben, von nun an als Einheit zu leben, so ist die Tendenz zur Altersregression in vermeintlich gefährlichen Situationen nach meiner Erfahrung deutlich verringert. Von diesem Zeitpunkt der Vereinigung an kann der Mensch zumindest zum bearbeiteten Themenkreis als Einheit im Hier und Jetzt bleiben, reifen und Erfahrungen sammeln, ohne Teile abspalten zu müssen.

Für viele Menschen ist dabei die Erkenntnis wichtig, dass Erwachsene tun dürfen, was sie möchten, wenn sie nicht gegen das Gesetz verstoßen – selbst gesetzeswidrige Dinge können sie tun, wenn sie mit den Konsequenzen ihres Handelns leben möchten.

Erwachsene dürfen albern durch die Gegend springen, rumschreien – außer in der Nachtruhe, Blödsinn machen, ihrer Kreativität freien Lauf lassen, sich unbändig freuen, zornig sein, u.s.w. – wer sollte es ihnen verbieten?

Also braucht sich niemand ein unmündiges „inneres Kind“ zu bewahren, um sich das Recht auf jede erdenkliche Emotion gönnen zu können. Der Erwachsene in dem das „innere Kind“ wohnt, ist ohnehin für sein Verhalten verantwortlich – also wo bleibt der Vorteil? Ein Erwachsener ist deutlich besser dazu in der Lage, die komplette Verantwortung für sein Leben und sein Wohlbefinden zu übernehmen – also lassen wir die „inneren Kinder“ erwachsen werden!

Da unsere Erinnerungen emotional gekoppelt sind, kann bei der Suche nach dem ersten Ereignis, das zu der jeweiligen (meist unangenehmen) Emotion passt, eine Altersregression auftreten. Der Preis für die vermeintlich sichere Zeitzone vor dem ersten unangenehmen Ereignis dieser Art ist, dass alle später erlernten Fähigkeiten in diesem Moment nicht abgerufen werden können. Wird die unangenehme Situation mit Ressourcen angereichert, sodass sich die emotionale Bewertung des Ereignisses ändert und danach der Prozess des Erwachsen-Werdens an die Altersregression angefügt, durchläuft unser Gehirn diesen kompletten Prozess und hat zuletzt wieder alle Informationen und Fähigkeiten der kompletten erwachsenen Person parat. Jetzt erhält die Person noch den Auftrag von nun an Ganz zu bleiben – fertig.

Diese Einheit / Ganzheit der Person wird in vielen Kulturen als oberstes Ziel angestrebt.Innere Kinder erwachsen werden zu lassen und zu integrieren kann dabei helfen, dieses Ziel zu erreichen.

Für alle NLP-ler heißt das: wenn ihr im Reframing einen abgespaltenen Teil findet, fragt ihn nach seinem Alter, bittet ihn, erwachsen zu werden und sich erst dann in die Person zu integrieren, um danach immer als Gesamtpersönlichkeit weiter zu reifen – das ist langfristig deutlich Erfolg versprechender, als eine Horde innerer Teile in verschiedenen Altersstufen zu beherbergen.

Wer als Einheit im Hier und Jetzt lebt, kann sich jederzeit ohne Energieverlust seines intuitiven Wissens bedienen – das ist doch eine lohnende Aussicht.